PM 35 | 12.04.2017

Gelebte Inklusion bei der Schmaus GmbH

Im Logistikcenter der Schmaus GmbH herrscht geschäftiges Treiben. Über die Rollenbahnen der halbautomatischen Kommissionieranlage fahren Boxen zu den Kommissionierbahnhöfen in verschiedenen Ebenen des Logistikcenters. Dort befüllen Mitarbeiter die Boxen mit den einzelnen Artikeln einer Bestellung. 25.000 verschiedene Artikel werden im Logistikcenter des Hartmannsdorfer Bürofachhändlers gelagert und an Kunden in ganz Deutschland versendet. Auf den ersten Blick fällt nicht auf, dass neun der 21 Logistikmitarbeiter ein gesundheitliches Handicap haben, sechs von ihnen sind gehörgeschädigt oder gehörlos.
Einer der gehörlosen Mitarbeiter im Bereich Kommissionierung ist Marc Pulz. Der gelernte Fliesenleger fand in seinem Beruf keine Arbeit, die Kommunikation mit einem Gehörlosen erschien vielen Bauleitern zu kompliziert. Er absolvierte verschiedene Praktika, z. B. in der Altenpflege, bekam aber nie eine Festanstellung. Auch bei der Schmaus GmbH begann er mit einem sechsmonatigen Praktikum, er bewährte sich und wurde in den Mitarbeiterstamm übernommen. Heute gehört auch das Fahren von Gabelstaplern zu seinen Aufgaben. Sein handwerkliches Geschick setzt der junge Mann beim Ausbau der Kommissionieranlage ein – in Zusammenarbeit mit einem hörenden Kollegen aus dem IT-Bereich.
„An diesem Beispiel sieht man, dass die Zusammenarbeit zwischen hörenden und gehörlosen Kollegen mit etwas gutem Willen Hand in Hand funktioniert.“, bestätigt der Bereichsleiter Logistik der Schmaus GmbH, Erik Güldenpfennig. „Die meisten Anliegen lassen sich schon mit Gesten oder kurzen Notizen auf Papier klären. Für umfangreichere Arbeitsbesprechungen wie Schulungen oder Belehrungen bis zu Firmenveranstaltungen fordert unsere Firma beim Gehörlosenzentrum Zwickau e. V. einen Gebärdendolmetscher an.“
Die Kosten dafür trägt die Landesdolmetscherzentrale. Geschäftsführerin Gerlinde Schmaus ist mit der Leistung ihrer hörgeschädigten Mitarbeiter sehr zufrieden: „Unsere gehörlosen Mitarbeiter sind über die Festanstellung in der Schmaus GmbH sehr glücklich und dadurch hoch motiviert. Die zur Verfügung stehenden Hilfen vom Integrationsfachdienst und den Arbeitsagenturen haben uns anfangs dabei geholfen, unsere Bedenken zu überwinden.“ Seit dem Jahr 2000, als der erste Mitarbeiter mit einem Handicap eingestellt wurde, wuchs so die Zahl der schwerbehinderten Beschäftigten auf mehr als 26% des Mitarbeiterstammes.
„Dadurch haben wir eine „Integrationsabteilung“ in unserem Unternehmen geschaffen. Das Land Sachsen und der Kommunale Sozialverband Sachsen, Integrationsamt, unterstützen dabei die arbeitsbegleitende Betreuung und die Gestaltung behinderungsgerechter Arbeitsbedingungen mit einem speziellen Förderprogramm.“, berichtet Gerlinde Schmaus.
Die IHK Chemnitz stellt sich bereits seit 2013 mit der Inklusionsberatung der Aufgabe, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung aktiv zu fördern und bietet diese kostenfreie Serviceleistung für ihre Mitgliedsunternehmen an. Einzelfallberatungen zu Beschäftigungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen, arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen, Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten bis hin zum zukunftsorientierten Umgang mit Arbeitnehmern nach längerer Krankheit werden im persönlichen Gespräch erörtert. Angesichts des Fachkräftemangels erkennen auch immer mehr Mittelständler das Potenzial.
Mit dem aktuellen Forschungsprojekt „Work-by-Inclusion®“ macht die Schmaus GmbH einen weiteren Schritt in Richtung vollständige Inklusion von gehörgeschädigten Arbeitnehmern in die Logistikprozesse. In dem dreijährigen Forschungsprojekt entsteht ein System zur Kommissionierung mittels Datenbrille, das zunächst im Logistikcenter der Schmaus GmbH praktisch erprobt wird. Dabei werden alle notwendigen Informationen für den Kommissioniervorgang, also das Zusammenstellen der Artikel einer Bestellung, über eine Datenbrille vor dem Auge des Nutzers eingeblendet (sog. Pick-by-Vision-Technologie).
Die bekannte „Google Glass“ ist ein Beispiel für einen solchen Miniaturcomputer mit Kamera und Touchpad am Brillenbügel. Durch die rein visuelle Informationsdarstellung können gehörlose Mitarbeiter diese effiziente Technologie gleichwertig zu hörenden Kollegen nutzen. Besonderen Wert legt die Schmaus GmbH zusätzlich auf die Entwicklung einer kommunikativen Schnittstelle zwischen Hörenden und Gehörlosen. So werden beispielsweise Rufmeldungen oder Notfallwarnungen über die Datenbrille eingeblendet.
Zu den Projektpartnern gehört neben der Schmaus GmbH die Technische Universität München, welche mit dem Lehrstuhl Fördertechnik Materialfluss Logistik (fml) das wissenschaftliche Know-How zur Pick-by-Vision-Technologie einbringt. Der dritte Projektpartner CIM GmbH aus Fürstenfeldbruck entwickelt die Datenbrillen-Software und ihre Kopplung zu Lagerverwaltungssystemen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales fördert das Forschungsprojekt aus Mitteln des Ausgleichsfonds. Die IHK Chemnitz unterstützt das Projekt aktiv und ist Mitglied im Projektbeirat von „Work-by-Inclusion®“.

Geschäftsführer Adalbert Schmaus sieht ein breites Einsatzgebiet für das Konzept „Work-by-Inclusion®“ in zahlreichen Branchen:
„Viele Unternehmen scheuen sich vor der Beschäftigung von schwerbehinderten Arbeitnehmern und zahlen stattdessen die Ausgleichsabgabe, von der ein Teil in den Ausgleichsfonds zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben fließt. Gleichzeitig wird ein Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, vor allem in den technischen Bereichen, beklagt.
Mit „Work-by-Inclusion®“ stellen wir mit Unterstützung des Ausgleichsfonds ein Hilfsmittel und Verfahren zur Verfügung, um das schlummernde Arbeitskräftepotenzial an gehörgeschädigten Menschen zu heben. Es wird dazu beitragen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, indem gehörlose gleichwertig zu hörenden Arbeitnehmern eingesetzt werden können.“
Weitere Informationen finden Sie unter www.work-by-inclusion.de.
IHK-Ansprechpartnerin im Fachbereich: Ines Petzold, Inklusionsberaterin, Tel. 0371 6900-1233