Mindestlohn - Gutachten

Auswirkungen des flächendeckenden Mindestlohns auf die sächsische gewerbliche Wirtschaft

Im Auftrag der Industrie- und Handelskammer Chemnitz untersuchte das ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V., Niederlassung Dresden im Februar 2016 die „Auswirkungen des flächendeckenden Mindestlohns auf die gewerbliche Wirtschaft im Freistaat Sachsen“. Die Daten wurden mittels einer schriftlichen Befragung  in Kooperation der sächsischen Industrie- und Handelskammern und  der Handwerkskammer Chemnitz erhoben.
Dank der Teilnahme von insgesamt 2.668 Betrieben ergaben sich die folgende Ergebnisse:
  • In der gewerblichen Wirtschaft Sachsens entfaltet der flächendeckende Mindestlohn eine besonders hohe Reichweite. Insgesamt sind 54 % der befragten Betriebe nach eigener Aussage vom Mindestlohn betroffen.
  • Im Vergleich zu nicht-betroffenen Betrieben beschäftigte der typische betroffene Betrieb im Juni 2014 tendenziell mehr Minijobber, generierte im Jahr 2014 weniger Umsatz, befindet sich näher zur tschechisch-polnischen Grenze, ist eher dem Dienstleistungsbereich zuzuordnen, berichtet eher von einer Verschlechterung der Geschäftslage in den vergangenen zwei Jahren und blickt auch eher pessimistisch in die Zukunft.
  • Die Reichweite des Mindestlohns endet nicht bei 8,50 €/h. Ein Drittel der betroffenen Betriebe berichtet, in Reaktion auf die neue Lohnuntergrenze auch Löhne oberhalb des Mindestlohnniveaus angepasst zu haben (z. B. aus Gründen des qualifikatorischen Lohnabstandes). Dazu zählen auch Betriebe, die bereits 2014 keine Löhne unterhalb von 8,50 €/h gezahlt haben.
  • Zusätzlich macht den Betrieben der organisatorische Aufwand durch die neuen Dokumentationspflichten zu schaffen. 61 % der befragten Betriebe schätzten die zusätzliche Mehrbelastung als mittel bis hoch ein.
  • Trotz alledem dämpfte der flächendeckende Mindestlohn die Beschäftigungsentwicklung in den befragten Betrieben bislang insgesamt nicht statistisch signifikant. Dies liegt wahrscheinlich aber auch daran, dass die betroffenen Betriebe mit zahlreichen weiteren Maßnahmen auf die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns reagierten.
  • Allerdings sind bei besonders stark betroffenen Betrieben signifikante Beschäftigungseffekte zu beobachten. Als besonders stark betroffen gelten Betriebe, welche den Bruttostundenlohn für mindestens einen Beschäftigten um mehr als 20 % anheben mussten.
  • Nach Angaben der Betriebe betrafen die Anpassungen in der Beschäftigung und bei Neueinstellungen insbesondere Ungelernte und Angelernte (vgl. Kap. 5.3).
  • Zudem gaben 58 % der vom Mindestlohn betroffenen Betriebe die gestiegenen Lohnkosten nach eigenen Angaben an ihre Kunden weiter. Zusätzlich waren die Betriebe insbesondere bei Neueinstellungen zurückhaltender, verringerten ihre Investitionen und strichen Sonderzahlungen.
  • Nach eigenen Angaben halten 58 % der befragten Betriebe eine weitere Anhebung des Mindestlohns für wirtschaftlich nicht vertretbar.
Hintergrund:
Die Mindestlohnkommission, Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sowie beratenden Wissenschaftlern, hat am 29. Juni 2016 den ersten Bericht zu den Auswirkungen des gesetzlichen Mindestlohns übergeben. Dabei fanden u. a. die Erkenntnisse der Studie „Auswirkungen des flächendeckenden Mindestlohns auf die gewerbliche Wirtschaft im Freistaat Sachsen“ Berücksichtigung. Laut Beschluss empfiehlt die Kommission ab 1.1.2017 eine neue Lohnuntergrenze von 8,84 Euro.

Siehe auch:  Pressemitteilung PM 42 vom 09.05.2016